Paracetamol in der Schwangerschaft (August 2016)

In einer kürzlich im JAMA Pediatrics veröffentlichten Studie werden die Daten von rund 8.000 Mutter-Kind-Paaren, die von 1991 bis 1992 an der Avon Longitudinal Study of Parents and Children teilgenommen hatten, ausgewertet. Per Fragebogen wurden die Mütter zweimal in der  Schwangerschaft sowie nach der Geburt nach der Einnahme von Paracetamol befragt. Im Alter von 7 Jahren sollten dann die Eltern ihre Kinder mittels eines Fragenkatalogs auf verschiedene Verhaltensmerkmale hin beurteilen.
Die in dem Artikel zunächst als signifikant erhöht angegebenen Risk Ratios (bis maximal 1,5) für emotionale Symptome, Betragen und Hyperaktivität verringern sich aber und verlieren z.T. ihre Signifikanz, wenn auf potenziell einflussnehmende Co-Variablen wie Alter der Mutter, sozioökonomischer Status, Rauchen, Alkohol, BMI, psychiatrische Anamnese und Behandlungsindikation adjustiert wird. Befremdlicherweise sind diese weitergehend adjustierten Ergebnisse nur online in E-Supplement-Tabellen zu finden. „Beeindruckend signifikant“ sind dort nur noch die „Conduct problems“ mit RR 1,4 (95% KI 1,1-1,6).
In der Studie gibt es keine Angaben zu Dosis und Dauer der Therapie. Man weiß nicht, ob Paracetamol nur 2 Tage oder über Wochen eingenommen wurde und ob 4 g/Tag oder 500 mg. Dosis- bzw. Expositionsintervall-Wirkungs-Analysen sind aber ein wichtiger Schlüssel zur Prüfung von Kausalität. Ein einleuchtender Wirkmechanismus für die behauptete Paracetamol-Langzeitwirkung ist bisher nicht bekannt.
Auch diese Studie ändert nichts daran, dass Paracetamol in der gesamten Schwangerschaft eingenommen werden darf. Aber Paracetamol darf keineswegs als harmloses Lifestyle-Mittel angesehen werden. Seine Toxizität in hohen Dosen ist erwiesen. Wie jedes Schmerzmittel, sollte es auch von Schwangeren nicht unkritisch eingenommen werden. Auf der anderen Seite ist bekannt, dass anhaltende Behandlungsbedürftige Schmerzen und hohes Fieber den Schwangerschaftsverlauf gefährden können. Ein Nichtbehandeln könnte riskant sein. Hat man bis Woche 28 Ibuprofen als Alternative, bleiben danach nur noch Opioide. Und diese sind aus gutem Grunde stärksten Schmerzen vorbehalten. Dieses Dilemma wurde von den Autoren der oben angesprochenen Studie zu wenig betont. Mit ihrer Kausalität suggerierenden Schlussfolgerung („Children exposed to acetaminophen use prenatally are at increased risk of multiple behavioral difficulties.”) haben sie auch nicht die Reaktion einer Schwangeren bedacht, die Paracetamol bereits eingenommen hat und die nun (ungerechtfertigt) den Rest ihrer Schwangerschaft und ggf. Jahre danach angstvoll die pathologische Entwicklung ihres Kindes erwartet.