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Essstörungen

in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. med. Anke Rohde und Prof. Dr. med. Sarah Kittel-Schneider

Essstörungen beginnen meist während der Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter, manchmal sogar schon in der Kindheit. Wenn betroffene Frauen eine Schwangerschaft planen oder auch ungeplant schwanger werden, besteht die Erkrankung oftmals schon viele Jahre und wurde nicht selten auch bereits längerfristig psychotherapeutisch behandelt.

Anorexie. Zur Kernsymptomatik der Erkrankung gehören ein absichtlich selbst herbeigeführter und/oder aufrechterhaltener Gewichtsverlust mit Unterernährung sowie eine Körperschema-Störung mit tiefverwurzelter Angst vor dicken oder schlaffen Körperformen. In der Regel legen die Betroffenen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich fest. Um diese nicht zu überschreiten, nutzen sie neben der Kalorienrestriktion auch forcierte körperliche Aktivitäten, selbstinduziertes Erbrechen und/oder den Missbrauch von Abführmitteln, Diuretika oder Appetitzüglern. Bei ausgeprägter Anorexia nervosa („Magersucht“) können hormonelle Veränderungen unter anderem dazu führen, dass Eisprung und Regelblutung ausbleiben und dass die Fertilität eingeschränkt ist. Andererseits treten Schwangerschaften bei Betroffenen nicht selten ungeplant auf. 

Bulimie. Patientinnen mit Bulimie beschäftigen sich gedanklich ständig mit dem Essen sowie der Kontrolle des Körpergewichts. Dies führt zu Essattacken mit selbst ausgelöstem Erbrechen und unter Umständen auch zum Gebrauch von Abführmitteln, Diuretika oder Appetitzüglern. Damit einhergehen können Elektrolytstörungen und andere körperliche Komplikationen. Häufig finden sich in der Anamnese bulimischer Patientinnen zusätzlich anorektische Phasen.

Neben Anorexie, Bulimie und den erwähnten Mischformen existieren weitere Formen von Essstörungen.

Die bei starkem Übergewicht/Adipositas möglichen Komplikationen während der Schwangerschaft und beim Neugeborenen werden hier nicht beschrieben, ebenso wenig eventuelle Komplikationen bei der sogenannten Binge-Eating-Störung (Essattacken ohne gegenregulierendes Verhalten).

Besonderheiten einer Therapie in der Schwangerschaft

Durch die körperlichen Veränderungen in der Schwangerschaft, insbesondere die Gewichtszunahme, kann es bei Patientinnen mit Essstörungen zu ausgeprägten psychischen Belastungen kommen. Auch ist eine ausgewogene und gesunde Ernährung, wie sie Schwangeren empfohlen wird, für Patientinnen mit Essstörung meist schwierig. Einige Symptome der Essstörungen, vor allem Essattacken, scheinen im Schwangerschaftsverlauf eher seltener zu werden. Nach der Entbindung hält diese Verbesserung allerdings in der Regel nicht an.

Insbesondere für Frauen mit Anorexie stellen die Gewichtszunahme und die nicht kontrollierbaren körperlichen Veränderungen im Rahmen der Schwangerschaft eine große Herausforderung dar, selbst wenn die Schwangerschaft geplant und erwünscht ist. Es besteht ein ständiger innerer Konflikt zwischen dem Wunsch, sich für das werdende Kind ausreichend und gesund zu ernähren, und dem krankheitsimmanenten Streben nach einem möglichst niedrigen Körpergewicht und mageren Körperformen. Manchmal erleben Frauen mit Anorexie das Wachstum des Fetus in sich selbst auch als etwas Fremdes und kaum Aushaltbares. Insgesamt können erhebliche Ambivalenzen entstehen, die manchmal sogar zum Wunsch nach einem Schwangerschafts­abbruch führen.

Verschiedene Studien haben einen Zusammenhang zwischen Anorexia nervosa und verschiedenen Komplikationen während der Schwangerschaft und beim Neugeborenen beschrieben. Diskutiert werden unter anderem etwas erhöhte Risiken für Frühgeburtlichkeit, intensivmedizinische Behandlung von Mutter und Kind, Blutungskomplikationen, Mikrozephalie und ein niedrigeres Geburtsgewicht. Auch litten die anorektischen Schwangeren häufiger unter einer Hyperemesis gravidarum. Bisher ist nicht klar, welche Krankheitsfaktoren mit diesen Komplikationen assoziiert sind, eine maternale Unter- und Fehlernährung spielt vermutlich eine Rolle.

Patientinnen mit Bulimie kämpfen während der Schwangerschaft meist ebenfalls mit ihrer Ernährung. Ebenso wie anorektische Schwangere leiden sie häufiger unter einer Hyperemesis gravidarum und es werden leicht erhöhte Risiken für andere Schwangerschafts- und neonatale Komplikationen diskutiert.

Die Behandlung von Essstörungen erfolgt vor allem psychotherapeutisch. Wenn psychopharmakologisch behandelt werden soll, kommen vor allem Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren zum Einsatz, insbesondere bei komorbider Depression. Nach Möglichkeit sollte die Patientin bereits im Vorfeld der Schwangerschaft einen Missbrauch von Arzneimitteln wie Abführmitteln, Diuretika oder Appetitzüglern beenden. Dies sollte auch im Verlauf der Schwangerschaft thematisiert und geprüft werden, insbesondere bei Arzneimitteln mit ungünstigem Risikoprofil für die Schwangerschaft. Eine psychotherapeutische Begleitung sollte ebenfalls im Vorfeld der Schwangerschaft organisiert werden. Idealerweise kann der Kontakt zu einer Psychotherapeutin/einem Psychotherapeuten wiederhergestellt werden, zu der/dem bereits ein Vertrauensverhältnis besteht. Insbesondere Frauen mit Essattacken bitten manchmal ihren Partner, eine gewisse Kontrollfunktion über Einkauf sowie Verfügbarkeit der Lebensmittel und Mahlzeiten zu übernehmen. Diese Vereinbarung ist jedoch nur dann von Nutzen, wenn die betroffene Frau sie ausdrücklich wünscht.

Beratungsstellen für Essstörungen können vor allem in Krisensituationen eine erste Anlaufstelle sein und wenn notwendig eventuell auch eine spezialisierte Therapie vermitteln.

Stillzeit.  Frauen mit Essstörungen berichten häufiger über eher negative Erfahrungen mit dem Stillen, zum Beispiel wird die körperliche Nähe zum Kind manchmal als zu eng erlebt. Wenn das Stillen als negativ erlebt wird oder die Patientin sich bereits vor der Entbindung gegen das Stillen entscheidet, kann diese Entscheidung durchaus unterstützt werden, um eine positive Entwicklung der Mutter-Kind-Bindung zu ermöglichen. Bei einer psychopharmakologischen Behandlung finden sich die Empfehlungen zum Stillen auf den entsprechenden Arzneimittelinformationsseiten.

Mittel der Wahl

Behandlung der Wahl ist die Psychotherapie. Ist eine antidepressive Behandlung erforderlich, dann sind bei einer medikamentösen Neueinstellung Sertralin und Citalopram die Mittel der ersten Wahl. Bei stabiler antidepressiver Einstellung ist ein Wechsel der Medikation im Schwangerschaftsverlauf meist nicht sinnvoll. Die Empfehlungen zu den einzelnen Antidepressiva befinden sich auf den entsprechenden Arzneimittelinformationsseiten.


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